Weniger ist mehr – mein Tiny-House

Da das Interesse über das Voranschreiten meines Projektes doch größer als erwartet ist, schreibe ich den Fortschritt hier in den Blog hinein. Viele Bekannte und Freunde bekunden Interesse. Das freut mich. Ich will den Stand der Dinge dann hier kundtun. Schließlich war doch Minimalismus eines der Absichten, die ich konsequent begonnen und nun auch wirklich durchziehen möchte.

Die Fortschritte der Außenarbeiten gehen jedoch langsam voran. Innen ist alles schon recht kuschelig. Ein neues Bad, eine funktionale Küche inkl. Gefriertruhe und Spülmaschine, neue Fenster und ein Kaminofen machen dieses Minihaus zu einem gemütlichen Anlaufpunkt. Am Feuer kann man hier Winterabende lesend verbringen und philosophieren, ohne den Fernseher inkl. der GEZ-Meinungseinfalt zu vermissen. Endlich zeigt sich nun das Frühjahr und auch hin und wieder die Sonne. Ab jetzt wird draußen gearbeitet. Selbstverständlich in meiner grünen Gärtner-Latzhose. Ich erwähne es, weil es die erste Arbeitshose meines Lebens ist.

Irgendwann soll hier ein verwunschener Garten, ein Kräuter- und Heilpflanzengarten und ein liebevoll renoviertes Haus stehen. Vor allen Dingen eins mit einer ansprechenden Farbe. Meine Wahl fiel auf schwedenrot. Mit der Westseite habe ich angefangen. Lockere Farbe abspachteln, anschleifen und zwei  das Holz mit Anstrichen versehen. Ich bin richtig begeistert von der freundlichen Farbe und freue mich schon, wenn in Kürze drei regenfreie Tage am hintereinander prognostiziert werden. Dann geht es mit der Südseite weiter.

Mir scheint, ich werde mich in nächster Zeit nicht über mangelnde Arbeit beklagen.


Die Zeit tickt Dir eine kleine Frist….

Was verspricht man sich eigentlich vom minimalen Lebensstil? Warum soll sein ganzer Lebensstandard überprüft, überflüssiges ausgemistet, und warum sollte man sich also auf das Wesentliche beschränken?  Ich denke, dass die Antwort im konsequenten, achtsamen und bewußten Leben in oder mit der Zeit zu suchen ist.

Daher lohnt es sich auch immer über die Zeit zu philosophieren. In Bezug auf den Weg zum Minimalisten vielleicht noch vor dem Ausmisten und Neuorganisieren des Kleiderschrankes.

Die Frage, was uns die Zeit so wichtig erscheinen läßt ist nicht in der getakteten Fließbandfertigung der Industrie oder im übervollen Terminkalender zu suchen, den mittlerweile jeder Erwerbslose oder Rentner hat. Der Tag wird genau verplant, in Stunden eingeteilt und gemessen. Sogenannte ‚Reminder‘ erinnern daran, wann es uns ins nächste Meeting zu verschlagen hat. Uhren lassen uns die Zeit nicht mehr bewußt erleben, sie sind Werkzeuge auf unseren Wegen der Unbewußtheit. War das eigentlich immer schon so. Seit wann ‚misst‘ der Mensch die Zeit eigentlich?

Zeit ist ein Phänomen. Über den Zeitpunkt, ab dem der Mensch begonnen hat, die Zeit selbst als solches wahrzunehmen, kann nur spekuliert werden. Vielleicht geht es sogar zurück bis in die Steinzeit, wenn Stonehenge als einen Zeitmesser oder vielleicht Vorläufer unserer Uhren betrachten.

stonehenge

Streng gesehen ist Stonehenge eine Vorrichtung, um die Gestirne zu beobachten. Ähnlich wie die Himmelsscheibe von Nebra.

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Bei beiden ‚Zeitpunktmessern‘ handelt es sich um Messgeräte, die es erlauben, den Lauf der Gestirne zu beobachten und danach so lebenswichtige Zeitpunkte wie den Tag der Aussaat festzulegen oder rituelle Feste.

Frühe Funde belegen auch, dass die ersten Sonnenuhren bereits vor 6000 Jahr entstanden. 500 Jahre später entstanden die sogenannten Wasseruhren. Die Dauer, die eine bestimmte Menge Wasser benötigte, um durch ein kleines Loch zu fließen, wurde als Maß für die Zeitmessung benutzt. Statt Wasser wurden auch Sand oder Körner eingesetzt. Jeder kennt die Eieruhren, die heutzutage eher Accessoire-Charakter haben mit buntem Sand oder so ähnlich.

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Im 14. Jahrhundert bastelten Mönche die ersten mechanischen Zeitmesser. Einfache, technische Vorrichtungen, die in regelmäßigen Abständen Glocken zum Läuten brachten. Dies waren die Vorläufer unserer heutigen Uhren. Im 15. Jahrhundert begannen die ersten Wissenschaftler durch Messungen Phänomene zu untersuchen. Je genauer die Untersuchungen wurden, desto genauere und präzisere Zeitmessgeräte wurden benötigt.

Als im ausgehenden Mittelalter ein Schlosser aus Nürnberg die ersten tragbaren Räderuhren verkaufte, waren sie eine Sensation, selbst wenn sie die Zeit nur äußerst dürftig anzeigten. Diese Uhren hatten nur einen Zeiger. Ausschlaggebend war die Genauigkeit der Werke. Die Schwingungen der Uhren waren unregelmäßig, und bis heute versuchen Uhrmacher das Zusammenspiel von Unruh und Pendel bei klassischen mechanischen Uhren gleichmässiger schwingen zu lassen. Im weiteren Verlauf wurden diese Uhren immer genauer.

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Die wesentlichen Erfindungen, die unseren heutigen mechanischen Uhren zu Grunde liegen, wurden im 16. und 17. Jahrhundert gemacht. Verblüffend parallel verlief die Geschichte der Erfindung in Italien, Frankreich, Deutschland und England. Vielleicht wahr es an der ‚Zeit‘, genauer, präziser und damit auch hektischer zu werden.

Erst im 17. Jahrhundert wurde dem Stundenzeiger ein Minutenzeiger hinzugefügt. Eine Neuerung, die den Blick auf die Uhr veränderte. Die Zeit war nicht länger ein bestimmter Punkt, sondern ein Winkel zwischen beweglichen Ständen. Richtig durchgesetzt hat sich der Minutenzeiger dann erst im 18. Jahrhundert. Ob die Menschen intuitiv wußten, dass es fortan hektischer, betriebsamer und schneller im Leben zuging und deshalb sich fast ein Jahrhundert der Zweizeigeruhr widersetzen, darf Spekulation bleiben. Denn je ausgewogener und ausgefeilter das Zusammenspiel im Inneren einer Uhr wurde, desto größer wurde die Unruhe im täglichen Leben. Kuriere nahmen ihren Dienst auf, die Eisenbahn bot neue Möglichkeiten und später wurden in Fabriken ungeahnte Reichtümer produziert. Aber all das funktionierte nur, weil sich die Menschen der Zeit immer deutlicher unterordneten und sich an die Zeit regelrecht versklavten. Sie richteten ihr Leben fortan an der Uhr aus. Das ist bis heute so geblieben. Höchste Eisenbahn, hier umzudenken. Wahrscheinlich hat nicht die Dampfmaschine die industrielle Revolution eingeläutet, sondern die Uhr.

Die Zeit wird durch das, was und wie wie fühlen und denken, auch stark beeinflusst. Sie ist abhängig von der Aufmerksamkeit, die wir einem Ereignis schenken. Ereignislose Abschnitte unseres Lebens scheinen die Zeit auszudehnen. Stunden voller Aktivität und Glück können die Zeit zerrinnen lassen. Je mehr uns eine Aufgabe herausfordert und begeistert, desto schneller vergeht die Zeit, so empfinden wir. Wenn das so ist, sprechen oder geraten wir in den sogenannten Flow, in dem Zeit und Raum sich aufzulösen scheinen. Nehmen wir bewußt diesen Flow wahr, dann erkennen wir, dass das Leben nicht ausschließlich nach der Zeit ausgerichtet werden muss, die uns die Taktmesser Uhren vorgeben.

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Ich bin ein Schritt zurück gegangen. Mein Handgelenk ziert jetzt eine Einzeigeruhr. Die Zeit scheint langsamer zu verlaufen, ihre Bedeutung schwindet, es wird weniger, es wird langsamer; Zeit wird bewußter wahrgenommen. Und jetzt kann sich endlich um den Kleiderschrank gekümmert werden.

 

Die Zeit tickt dir eine kleine Frist,
tickt die Schärfe aus dem Zwist,
tickt dich hierhin, tickt dich dorthin.

Die Zeit tickt dir Falten auf die Stirn,
manche Pläne aus dem Hirn,
tickt dich wund und tickt dich zynisch.

Die Zeit tickt dein Leben schnell vorbei,
tickt dich fest und tickt dich frei,
und der Hahn kräht „Guten Morgen“.

Die Zeit tickt die Ecken rund
und tickt dich gesund,
tickt die Dornen von den Rosen.

Die Zeit tickt die Lüge wahr,
tickt das Trübe klar
und macht die Dummen klüger.

Die Zeit tickt die Sonne auf die Welt,
und wenn sie herunterfällt,
dann ist die Uhr kaputt.

(Hermann van Veen)


Minimalist werden – ein Selbstversuch

Viele Philosophen und Weise lehren seit Menschengedenken vom heilbringenden Verzicht, der Beschränkung auf das Wesentliche. Im Hier und Jetzt zu sein, nicht an gestern zu denken und keine Angst an die Zukunft zu verschwenden, da auch diese Gedankengänge  im Jetzt geschehen und Produkte unseres Denkens sind. Und gedacht wird immer im Jetzt.

Erkenntnis ist bekanntermaßen schon der erste Schritt für eine Besserung. Wer begriffen hat, dass die schönsten Dinge des Lebens keine Gegenstände sind, Konsum sehr häufig eine Ersatzbefriedigung darstellt, weniger meistens mehr ist, sich das große Ganze im Kleinen zeigt , Sicherheit eine Illusion darstellt oder die Arbeit notwendig für das Leben und keinesfalls Lebensinhalt bedeuten sollte, der hat sich bereits auf den Weg begeben.

Nach Wikipedia ist ein Minimalist eine Person, die ihren Lebensstil als „Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht“, wobei ihre Anhänger „versuchen, durch Konsumverzicht Alltagszwängen entgegenzuwirken und dadurch ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu führen.“ Ich bin mit dieser Definition nicht ganz glücklich, weil auch hier wieder das Wort Verzicht viel zu sehr in den Vordergrund rückt. Minimalist sein heißt, sich achtsamer zu verhalten, sich auf das Wesentliche im Leben konzentrieren (nicht beschränken). Das Wesentliche im eigenen Leben mag nun jeder für sich ergründen und vielleicht feststellen, dass es nicht so einfach ist, es direkt adhoc zu benennen. Aber gerade dann, wenn sich das Leben entschleunigt und die Ablenkungen abnehmen, mag es sich dem, der sehen will, zeigen. Minimalist werden bedeutet einen reichhaltigen Gewinn in Aussicht gestellt zu bekommen und keinen Verzicht. Höher, schneller, weiter war gestern und jeder gestresste, sich auspowernde Manager wird heutzutage eher mitleidsvoll belächelt als bewundert.

Der Grundgedanke, den die Marketingstrategen dieser Welt per ausgeklügelten, psychologisch-manipulierenden Kampagnen in unseren Köpfen verankert, ist dieser: jedes neue Produkt auf dem Markt, macht unser Leben ein Stück besser. Am Besten ist, man kauft direkt alle Produkte (zur Not eben auf Pump). Je teurer ein Produkt, desto größer ist der wohltuende Effekt auf unsere Seele. Wer das glaubt, ist arm dran, rackert sich bis zum Herzinfarkt ab und wundert sich, dass die Kinder zu Hause Freunde oder Freundinnen mitbringen, obwohl sie doch gerade erst eingeschult wurden. Wenn man diesen Gedanken wirklich für wahr hält, dass Konsum uns glücklicher macht, ergibt sich daraus ein weiterer logischer Gedanke: je mehr Geld ich habe, desto mehr tolle Dinge kann ich kaufen. Und je mehr tolle Dinge ich habe, desto besser wird mein Leben. Stopp – es ist Zeit die Reißleine zu ziehen. Ich habe es getan, und es geht mir jeden Tag ein Stück besser damit.

Es geht darum, den persönlichen maximalen Lebensstandard zu definieren statt den minimalen. Das Existenzminimum, was der minimale Lebensstandard nunmal ist, klingt armselig und wird eher den Asketen beglücken, weil schon der Name irgendwie Verzicht erwarten lässt. Auch ist es nicht notwendig, ein Armutsgelübde abzulegen und am Existenzminimum zu knapsen. Diese Sicht beschränkt und engt ein,  sie entspricht dem Bild des sündigen Individuum, der seine Buße abträgt. Vielmehr sollte jeder für sich seinen maximalen Lebensstandard ermitteln, um ein entspanntes Leben führen zu können.

Minimalist zu sein bedeutet Freiheit, Loslassen, im Fluß zu sein. So stelle ich mir das vor. Ich sollte den Selbstversuch wagen.

Ich will diesen Selbstversuch starten und Buch führen über meine Empfindungen, ob sie wirklich befreiend sind, was dabei passiert, wie es sich anfühlt, ja alles, was sich ändert. Eine gute Achtsamkeitsübung nebenbei. Ich beginne jetzt damit, und zwar mit dem Kleiderschrank, einem guten Objekt für den Beginn, wie ich finde.